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04.07.2016

Abschied // Leaving


https://www.flickr.com/photos/143652091@N04/albums
click on the picture to see more / einfach auf's Bild klicken, da geht' s zu flickr.

 Ein Stereotyp ist eine im Alltagswissen präsente Beschreibung von Personen oder Gruppen, die einprägsam und bildhaft ist und einen als typisch behaupteten Sachverhalt vereinfacht auf diese bezieht. Sie sind gleichzeitig relativ starre überindividuell geltende beziehungsweise weit verbreitende Vorstellungsbilder.
–sagt Wikipedia 


Inder können scheinbar nicht erröten. Nicht vor Hitze, nicht vor Scham. Immer wenn ich mit hochrotem Kopf ins Büro komme, muss ich erklären, warum ich kurzzeitig meine Hautfarbe gewechselt habe (Die 100 Stufen an der Metro hochgesprintet, es ist 48 Grad heiß, ich bin verliebt, ihr habt irgendwas peinliches gesagt.) Eigentlich kann wohl doch jeder Mensch erröten. Bei dunkler(er) Haut fällts nur nicht so auf. Ein Arbeitskollege nennt mich kurzzeitig Pinky.

Zu Hause ist es ein halbes Jahr Winter, drei Monate Sommer und drei Monate irgendetwas dazwischen.
Hier ist es andersherum. Gerade ist es ein halbes Jahr Sommer. Ich kann nachts nicht schlafen. Ich laufe keine Treppen mehr, sondern nehme die Rolltreppe und den Aufzug. Es ist zu heiß zum Essen, zu heiß, um sich zu bewegen. Die Stadt brennt. Der Fahrtwind während der Rikschafahrt ist heiße Luft. Als wäre ich konstant high.

Mückenstiche halten hier nur eine halbe Stunde aber jucken wie Hölle. (Außerdem übertragen sie manchmal Denguee Fieber.)

Inder denken, alle Weißen seien Briten. Wenn sie keine Briten sind, dann sind sie Amerikaner. Afrikaner sind ‚dreckig‘. Inder sind rassistisch. Das sagen Inder auch über sich selber.

Ficken sagt man nicht. Sex auch nicht. Über Homosexualität wird im Allgemeinen nicht geredet.

Es gibt sehr reiche und sehr arme Inder. Die Armen klopfen an Straßenkreuzungen an Autoscheiben, verkaufen Wackeldackel oder sind Kinder, die Haare sind zerzaust und die Haut dreckig und sie führen die Hand zum Mund und sagen kana kana, Essen Essen.

Die reichen Inder haben Autos und ACs und Putzfrauen und Driver und sind manchmal Künstler, manchmal nur reich. Es gibt mittelreiche Inder und sehr reiche Inder. Im CaffeeCoffeeDay (indischer Starbucks) an der Metro Station Moolchand schlürfen die mittel-bis reichen Inder (und ich) erfrischende künstliche Shakes und afrikanischen Kaffee für 300 Rupien während die Klimaanlage auf Hochtouren arbeitet und die Fahrradrikschawfahrer durch Glasscheiben starren. Sie kochen draußen bei 45 Grad im Schatten und verdienen vermutlich nicht einmal 300 Rupien am Tag.
Ja, Inder starren. Sie fressen dich mit ihren Blicken auf.

Ich fahre von Rishikesh nach Manali. Alleine. Ja, das ist in Indien möglich. Inder können die hilfsbereitesten Menschen der Welt sein und einem zeigen, wo man im Gewusel der Busstation jetzt den AC Bus nehmen kann. (Bus mit Klimaanlage.) Ich muss vier Stunden warten. Ich muss den letzten Bus um zehn nehmen. Vereinzelt sind noch Familien unterwegs, aber hauptsächlich sind es Männer, die in der Halle des Bahnhofs sitzen und starren. Gegenüber von mir sitzen drei junge Inderinnen. Ich wette, sie wollen auch nach Manali, checke aber trotzdem jede Minute, ob sie noch da sind. Was Bauchgefühl heißt, das habe ich hier auch gelernt. Von betrunkenen Männern Abstand halten. Nein sagen. Gehen.

Es gibt offensichtlich ein Ungleichgewicht bei Männern und Frauen und ich wurde in neun Monaten, nicht begrapscht, angemacht klar, aber manchmal entfernt man sich schon bei den penetranten Blicken die einem in der Metro zugeworfen werden automatisch weiter vom ‚Gemischtabteil‘ in Richtung ‚Frauenabteil‘.

Dort geht die Starrerei weiter. Starren ist hier nicht schlimm. Das ist normal. Ich bin ja weiß und habe dunkelblonde Haare. Muss ulkig aussehen. Also werde ich eben angestarrt. Mittlerweile starre ich auch gerne. Besonders wenn Weiße in der Metro sind. Und wenn die Rikschafahrer durch die Scheiben des Cafés starren, dann fühle ich mich furchtbar, aber ich finde ihr Starren gerechtfertigt. Ich würde auch starren.
Ich sitze im Busbahnhof in Chandigarh und überarbeitete meinen Text. Ein Inder sitzt seit zwanzig Minuten neben mir und starrt auf den Bildschirm.

Inder sind socialmedia verrückt. Inder lieben Facebook. Alles wird geteilt, alles wird geliked. Inder lieben Selfies, besonders mit Ausländern. Nach dem fünften Selfie war es mir genug. Warum wollt ihr ein Photo von meiner Hautfarbe? Ist nicht geil weiß zu sein. Weiße Haut ist nicht für dieses Klima gemacht. Ich würde in Jeans kollabieren, während ihr schweißfrei über die Straße rennt. Aber ich will mich nicht beschweren. Ist ja nicht mein Land hier.

Nachdem der starrende Inder in der Busstation den Platz neben mir verlassen hat kommt setzt sich ein anderer Typ neben mich. Er möchte ein Selfie, natürlich. Ich frage warum. Er sagt, weil ich von woanders herkomme. Ich frage ihn, ob er auch eine Japanerin nach einem Selfie fragen würde. Oder gar eine Afrikanerin. Nein, das nicht. Er ist niedlich. Seine Eltern kommen aus Nepal. Wir unterhalten uns ganz nett, alle zwei Minuten die Frage nach dem Selfie. Er habe hier Urlaub gemacht. Shopping und so. Irgendwann zischt er ab. Ich checke ob die Inderinnen gegenüber noch da sind.

Es gibt Tischmanieren. Es wird mit der rechten Hand gegessen. Das Essen wird fein säuberlich in eine Ecke des Tellers gelegt, zu sich herangezogen und dann in den Mund geschaufelt. Im Westen gibt es viel Fisch und Fleisch, meistens Hühnchen. Kalkutta heißt nicht Kalkutta sondern Kolkata, das hört sich auch nicht so nach Taka Tuka Land an, finde ich sinnvoll. Menschen aus Kolkata sind überdurchschnittlich stolz und Inder sind unglaublich patriotisch.

Es gibt keine Baumärkte und keinen Media Markt. Stattdessen gibt es Handwerkerstraßen am Bogal und den Elektronikmarkt am Nehru Place.
Es gibt kein Gesundheitsamt, deshalb gibt es Streetfood, billig fettig und gut, alles wird frittiert. Momos sind Maultaschen mit Kohl, Paneer (indischer Käse) oder Chicken. Ich liebe Momos. Die kann man auch frittieren.
Es gibt Märkte, auf denen alles verkauft wird, von Haarspangen über Schlösser bis hin zu Tassen, Kuscheltieren und frischem Obst. Es gibt Papayas, Guaven, Chikkus und Litschis. Im Norden wird Chai getrunken, im Süden Kaffee. Alles ist grundsätzlich überdurchschnittlich süß. Es gibt sehr viele Malls. Viele Mittelklasseinder finden die super. Dort gibt es Treppenhäuser aus Marmor und Volkswagenhändler im Erdgeschoss. Als wir angekommen sind, hat gerade der erste H&M aufgemacht.
Es gibt überdurchschnittlich viele Menschen die auf der Straße leben und schlafen. Man gewöhnt sich an den Anblick von, geordnet nebeneinander schlafenden alten Männern, ganzen Familien, und dann fällt einem auf dass das irgendwie nicht normal sein sollte.

Es wird arrangiert geheiratet. Das bedeutet nicht Kinderheirat, das bedeutet, dass die Eltern jemanden vorschlagen und die Kinder (die zumindest in Delhi meistens schon über fünfundzwanzig sind) gucken ob sie miteinander klar kommen. Es wird aus Liebe geheiratet. Delhi ist aus vielen Dörfern zusammengewachsen. Andere kommen aus ihren Dörfern und die Dörfer bilden auch hier eine Community. In diesen Communities wird auch geheiratet. Die Frau zieht grundsätzlich zur Familie des Mannes. Familie ist sehr wichtig. Ich werde oft gefragt, ob meine Eltern und meine Geschwister auch mit nach Delhi gekommen sind, manchmal ob ich denn verheiratet bin.

Die Hängebrücke in Rishikesh heißt Laxman Jula. Das Stahlgeländer hat die Farben der indischen Flagge, natürlich. Ich überquere die Brücke und werde drei Mal nach Selfies/Photos gefragt. Natürlich. Ich weiß genau, wo ich hinwill. Meinen Lieblingsplatz habe ich mir schon vom Dach des Guesthouses ausgesucht. Wenig überfüllte Terasse zum Ganges. Ich sitze oben auf einem Vorsprung, im Schatten eines Baumes und beobachte Inder beim heiligen Bad. Zuerst ist da nur eine Familie. Der Vater und die Jungen ziehen sich bis auf die Unterhose aus. Die Frauen gehen in Kurta und Hose baden. Natürlich.
Ich sehe kurze Zeit später trotzdem noch Frauennippel. Die siebzigjährigen Omas interessiert’s nicht mehr, die machen einfach FKK. Gemächlich ziehen sie sich ihren Sari an.
Vor meinem Lieblingsplatz befindet sich eine Müllkippe. Das ist okay, ich bin daran gewöhnt, Indien ist eine einzige Müllhalde. Eine jümgere Frau im Sari klettert auf die Mauer, die Müllhalde und Treppenstufen voneinander trennt, hockt sich hin und pinkelt. Ich wende den Blick nicht ab. Wahrscheinlich habe ich mich auch schon zu sehr an die Starrerei gewöhnt. Die alten Frauen wickeln weiter Saris.

Es gibt Bollywood und es gibt viel indische Musik, zu der man (betrunken) sehr gut tanzen kann. Es gibt Kurtas und Sarees und viel anderen Modekram dazwischen. Kurtas sind lange Kleider mit Schlitzen an den Seiten, Sarees sind aus Seide und sechs Meter lang. Sie werden über einen Unterrock gebunden und mit Blusen getragen. Bindis sind die Punkte zwischen den Augenbrauen. Die sehen einfach nur schön aus und haben nichts damit zu tun, dass eine Frau verheiratet ist. Wenn eine Frau einen roten Strich auf ihre Stirn malt, auf ihren Haaransatz zulaufend, ist sie verheiratet. Inderinnen tragen Zehenringe und silberne Fußkettchen und Socken in Sandalen. In der Metro kann man seine Handys aufladen. In Indien gibt es sehr viele Sprachen und sehr viele Schriften. Indien ist riesig und es gibt unvorstellbar viele Menschen hier.

Meine Mutter hat mich mal gefragt, ob ich mir das wirklich antun möchte. Die ganze Armut sehen, an mich ran lassen möchte. Heute habe ich eine Antwort darauf. Erstens ist die Armut da. Warum die Augen verschließen? Zweitens ist Indien nicht arm. Indien ist verrückt und laut und bunt und in dem Chaos steckt Reichtum. Reichtum an Leben. Das macht Indien sehr anstrengend. Vor allem wenn man ständig die ‚Ich-trete-dir-deine-Organe-aus-dem-Bauch-wenn-du-mich-anfasst‘ Aura aufrecht erhalten muss.

Ich verstehe nicht, wie die Zahnräder dieser Welt ineinander greifen, ich verstehe noch weniger, warum und wie diese Welt funktioniert. Das war nur ein kleiner Blick über meinen kleinen Tellerrand. Ich habe Menschen getroffen, die ich zum Verzweifeln vermissen werde. Menschen, die in diesem Chaos groß geworden sind, das für mich so anders ist. Wir funktionieren zusammen, weil wir Menschen sind. Das Fremde ist nur solange beängstigend, bis es uns vertraut geworden ist.
Delhi ist mein zweites Zuhause.

16.05.2016

Vergleiche

ja, ich habe mir nur für dieses Bild den Punkt zwischen die Augenbrauen geklebt. Die Augenringe sind auch geschminkt. Alles fake.

Der Duden definiert Reue als ‚ein tiefes Bedauern über etwas, was nachträglich als Unrecht, als (moralisch) falsch empfunden wird.

Bereuen ist vielleicht ein zu starkes Wort, aber es bleibt bloß noch ein Monat, die Zeit verläuft zwischen sich auf zu Hause freuen und wissen dass man das hier doch alles irgendwie vermissen wird weil hier irgendwie auch zu Hause ist. Und dann bereut man doch ein wenig.
Dass man die Sprache nicht von Anfang an anständig gelernt hat, dass man kein perfektes  Englisch gesprochen hat als man hier hingekommen ist, dass man in der Wohnung  geblieben ist, anstatt rauszugehen, dass das mit der Arbeit alles doch alles irgendwie besser hätte klappen können, dass man öfter in die Bibliothek hätte fahren können, öfter das Gemüse auf dem Markt hätte kaufen können, dann doch irgendwo noch Energiereserven hätte ausgraben könne, um noch dies und das und jenes zu machen. Denn da war ja vorher diese Freiwillige auf der Arbeit, die sich dem Projekt hingegeben hat und von allen verehrt wurde, denn da ist ja dieser andere Freiwillige, der nach neun Monaten fließend Hindi spricht und sich Freitags Abends mit Studenten trifft um über die politische Lage in Indien zu diskutieren.
Ich frage mich auf welchem Platz ich stehe, auf dieser Frewilligenstreberliste.
Zwischendurch erscheinen indische Hipster auf der Bühne deren Leben aus fotografieren und reisen besteht. Und dann schaut man ein wenig zurück auf alles, was die letzten acht Monate passiert ist, was man ‚geschafft‘ hat und woran man ‚gescheitert‘ ist und dann scheint der Scheiterhaufen plötzlich so riesig. 

Aber ich bin immer noch hier. Ich fühle mich immer noch wohl. Ich distanziere mich, ich reflektiere, ich mache Dinge anders. Plötzlich ist da gar kein Desaster mehr. Plötzlich bin ich ein bisschen wütend, ein bisschen traurig und ich bin wieder sehr, sehr glücklich. 

Am Anfang glitzert und glänzt alles. Alles ist neu. Alles ist anders. Man muss nur den Satz ‚Ich bin wirklich in Delhi angekommen‘ zwei Mal wiederholen um sich in Euphorie zu versetzen. Irgendwann wird es Alltag, einfach nichts Besonderes mehr, Normalität. Ich sehne mich nach etwas Besonderem, hier und da im Alltag etwas Besonderes finden, ja, aber irgendwie wird es dann doch wieder Zeit für etwas Neues. Aufbruch in einem Monat, Aufbruch jeden Tag.

15.05.2016

Verrinnende Zeit


Irgendwann, als es noch nicht 43 Grad heiß war, sind wir nach Agra gefahren und die Zugfahrt war fast schöner als der Taj Mahal, aber auf jeden Fall schöner als Agra, dass das größte Touristendrecksloch ist das ich je gesehen habe, zumindest um dieses ehrwürdige Mamorgebäude mit Kuppel herum. Der Typ mit weißer Kappe auf dem dritten Bild kommt übrigens vom morgendlichen Gang auf die Toilette. Hier trägt man keine Klopapierrollen durch den Zug, sondern kleine Plastikeimer. 







14.02.2016

Lass mal bisschen quatschen.



Mein letzter Blogeintrag ist ja schon wieder Weihnachten her, ups. Ich habe letztens noch einmal einen verfasst, der war mir aber zu poetelnd, das kann man Delhi irgendwie nicht antun und das hier soll ja auch irgendwie ein bisschen an Indien angelehnt sein, nicht so sehr den komischen Irrungen und Verwirrungen in meinem Kopf.
Mir ist dann aufgefallen, dass man irgendwie nur schreibt, wenn man sich selbst einredet, dass man gerade hochgradig depressiv ist, natürlich nur metaphorisch gesehen. Dann findet man ja die Zeit dazu und außerdem kann man sich dann mal richtig schön auskotzen. Da meine poetelnde Sprache dann auch immer wieder zur Melancholie neigt, also alles irgendwie noch mehr runterzieht, denken dann irgendwie immer alle  dass es mir hier echt scheiße geht. So schlimm ist’s aber dann doch gar nicht.







Ich bin im Alltag angekommen, das hat meinen ersten Weltverbesserer Tatendrang ausgebremst, was objektiv gesehen nicht das Schlechteste ist. Meine Organisation ist manchmal ein bisschen wie ein sehr gut organisierter Hippieverein, irgendwie verstehen sich alle und haben viele Meetings wo sie dann reflektieren dass sie sich zwischendurch doch nicht so gut verstehen (natürlich reden sie in diesen Meetings auch über konstruktive Dinge wie Arbeit).

Am Anfang hatte ich mir ziemlich fest vorgenommen, eine Viva con Agua Crew in Delhi zu gründen, dann aber festgestellt, dass das doch nicht ganz so einfach ist.
Alles in allem hatte ich ein nettes Treffen mit dem Direktor vom Lotus Tempel, zwecks eines Events zum Thema Wasser. Das mit dem Event hat nicht so wirklich hingehauen aber ich hatte eine noch nettere Führung durch den Tempel ohne Touri Anstehzeiten, der Lotus Tempel wird übrigens häufiger besucht als der Eiffelturm, bäm (was wahrscheinlich daran liegt, dass es eine Milliarde Inder gibt und der Eintritt for free ist, selbst wenn man weiß ist. Um ins Kunstmuseum zu gelangen muss ein Ausländer 500 Rupies (ca 7 Euronen) zahlen, wo hingegen ein Inder 20 Rupies (ca 30 Cent) zahlt).









Wir haben jetzt auf der Arbeit UNO im Gemeinschaftsraum, ich habe demnach das Gefühl, endlich meinen Platz dort gefunden zu haben. Ich mache auch immer fleißig Malklassen in denen ich aufpasse dass die Kinder nur sich selbst anmalen und nicht die Teppiche und die Wände, aber meine Schüler scheinen zahlen-und altersmäßig langsam ein bisschen anzusteigen also könnte sich das eventuell zu einem ganz sinnvollen Nebenprojekt entwickeln. (Nicht, dass ich die Kids nicht mögen würde. Indische Kinder sind wirklich sehr süß.) Dann bereite ich noch eine Diskussionsklasse pro Woche vor, mir gehen aber ehrlich gesagt langsam die Themen aus. Hätte ich auch nie für möglich gehalten.

Ansonsten war ich eben die letzten drei Monate hier in Delhi und auch ehrlich gesagt abwechselnd auf der Arbeit und in der Wohnung, aber eigentlich finde ich daran gar nicht viel auszusetzen, ich bin ja, wie gesagt, im Alltag angekommen. Zwischendurch jammere ich dann wieder ein bisschen rum, das ist aber rückblickend auch ganz gut, dann höre ich weniger auf andere und motiviere mich mal dazu, ein bisschen frische Luft außerhalb Delhis zu schnuppern, das tut Körper und Seele denke ich dann auch mal wieder ganz gut.
Gestern war ich im Neruh Park. Es hat immer wieder etwas apokalytisches Delhi von oben zu sehen, flache Dächer verschwinden im Smog am Horizont, Vögel, meist Adler oder Raben kreisen und die Sonne geht als riesiger, roter Feuerball unter. Das Ende der Stadt ist nicht in Sichtweite und die Ausmaße dieser nicht zu begreifen.
Ich muss dann jetzt auch los. Ich hoffe ihr habt euch ordentlich ausgenüchtert nach dem ganzen Karnevalstrubel und kommt mit dem Verlust eurer wertvollen Gehirnzellen soweit klar.



08.02.2016

Winter in Indien

Old Delhi und Himalaya, Stadt und Land, schon wieder zwei Monate vergangen und es wird Frühling.

06.01.2016

Mittwochgedanken - II



Nostalgie ist ein verflixtes Gefühl und verfälscht ewiglich die gesamte Gegenwart II


Das Gedächtnis ist ein cleverer und durchaus sehr schlauer Apparat.
Der Eifer des Gehirns, alles zu filtern, was wir aus der Vergangenheit wieder und wieder erleben, sollte zu unserem Vorteil sein. Jedoch ist dies nur manchmal der Fall.
Vielleicht ist es eine Methode um eine grausame Vergangenheit zu verdrängen.
Eine andere Möglichkeit ist, dass unser Gedächtnis ganz einfach sehr faul ist.

Weihnachtszeit ist die Zeit der Depressionen.
Es ist hart, das warme, weiche Bett zu verlassen, die Leichtigkeit, die der Schlaf mit sich bringt, weil man sich nicht bewegen oder irgendeine Entscheidungen treffen muss.

26.12., 11:30, die Zeit der Entscheidungen beginnt.
Wenn mir jemand eine Frage stellt, antworte ich sarkastisch.
Meine mir einzig verbliebene Mitbewohnerin verlässt die Wohnung und ich bin alleine, räume das versteckte Zimmer, den kleinen  Dachboden, auf und versuche mich zu motivieren, rauszugehen.
Ich versage. Die Wohnung bleibt, mit meiner Ausnahme, leer in dieser Nacht, ich versuche wieder in die Leichtigkeit der Traumwelt zu driften.
Ich weiß nicht warum, aber das Geträumte in dieser Nacht war besonders.

Nach einem bestimmten Zeitraum, welcher wohl nicht in realer Zeit gemessen werden kann, habe ich dann wieder angefangen, normale Antworten normalen Fragen zu entgegnen und redete mich leer über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
Ich habe gemerkt, wie viel ich vergessen habe.

Wie hart es gewesen war, in dieses Land zu kommen, an diesen Ort, in dieses Land, wie sehr ich meine Familie überzeugen musste, wie oft ich mich rechtfertigen musste gegenüber Bekannten, manchmal gegenüber Freunden.
Ein Mädchen aus Deutschland, vielleicht so halb erwachsen, fliegt nach Indien.
Warum das den bitte?

Ich vergesse, wie schwer ich mich getan habe, als ich hier angekommen bin.
In der neuen Wohnung habe ich die alte längst vergessen, die Ratten, die Wespennester und die Distanz, die es täglich zu überwinden galt, um auf der Arbeit anzukommen.

Die Gegenwart ist wohl zu angenehm, um einmal einen Blick über die Schulter zu riskieren und die Steine, die hinter mir liegen, zu begutachten. Und mit jedem flüchtigen Blick verschleiert die Vergangenheit sich selbst, verrückt Stein bei Stein, häuft sie an anderer Stelle aufeinander und verfälscht damit sämtliche Erinnerung, lässt die verlebte Vergangenheit grausam oder belanglos erscheinen.

Vielleicht erleichtert es uns dies der Gegenwart zu begegnen, diesem reizenden Geschenk, welches die Zukunft unaufhörlich mit uns teilt.

Während ich am 24.12. um elf Uhr nachts auf der Terrasse sitze und die leere Straße beobachte scheint die Zeit still zu stehen.
Ich weiß, dass meine Familie in diesem Moment zu Abend isst, Fondue auf dem anderen Kontinent. Ich vermisse und glorifiziere die letzten 19 heiligen Abende, die nun der Vergangenheit gehören, versuche mich auf die Zukunft zu konzentrieren, um mich besser zu fühlen.

Und während ich mich selbst weiter verwirre, mit Gedanken über zu Hause, welches nun vier Monate Vergangenheit entfernt ist und mit Gedanken über die Zukunft in diesem zu Hause auf Zeit, verwandelt sich die Gegenwart unaufhaltsam in die Zukunft und die Zukunft verwandelt die Gegenwart ewiglich in vergangene Momenten.

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Nostalgia is a tricky emotion and sophisticates the entire present eternally II

The mind is a clever and quite smart apparatus. 
It should be advantageous to us that the brain eagerly drains our memory every time we relive it.
Actually, it’s just sometimes beneficial. Maybe it’s a method to displace a cruel past.

Another possibility is that our mind is simply very lazy. 


Christmas time is depression time.
It‘s hard to leave the cosy bed, the blithe world of dreams, you don’t have to move yourself or to take any decision while you sleep.
 
26th of December, 11:30, the time of decisions starts.
If somebody asks me something, I phrase my response sarcastically.
My only remained flatmates closes the front door and I am alone, I clean the hidden room, the small loft, and try to motivate myself to go out.
I fail.

The flat stays empty for the night, bar me, trying to drift into the easy-going dream world.
I don’t remember why, but what I dreamed of was special.


After a determined period, which probably can’t be measured in real time, I’ve started to reply normally to normal questions and talked myself drained about the present, the past and the future.
I’ve noticed how many things I’ve forgotten.


I’ve forgotten how hard it had been to come to this particular country, to this particular place.
How much I’ve had to convince my family, how often I’ve had to exculpate myself in front of acquaintances and sometimes in front of friends. A girl from Germany, maybe half grown up, travels to India?

Why, please?  

I‘ve forgotten how hard the beginning had been.
In the new flat, I’ve already forgotten the old one, the rats, the wasp nests and the distance we had to pass every day when we wanted to reach at work.


The cosy present hazes the view on the past.
I am too comfortable to risk a view over my shoulder, to survey the stones I left behind me.
With every careless view, the past veils itself, displaces stone by stone, accumulates them to another place and sophisticates all memory, shows already experienced cruelly or irrelevantly. 
Maybe, this eases us to face the present, the charming gift the future is continuously sharing with us. 


While I am sitting on the terrace at 11 pm on the 24th of December, observing the empty street, time seems to stop.
I know that my family has dinner right now, fondue on the other continent.
I miss and glorify the 19 holy evenings which are owned by the past now, trying to concentrate on the future to make me feel better.

And while I continuously confuse myself by the help of thoughts about the home which is four months distanced now and thoughts about the future in my new temporary home, present transforms itself eternally into future and the future transforms the present inexorably into passed moments.

09.12.2015

09.12.2015 - Fünf


After a long time, I visited Myriams project, Adhyayan again.
During only two hours, I experienced a burning ironman (probably, the source that caused the plastic smoke was invisible), I made friends with the toughest and cutest girl in Kaylash (the one with the red coloured hands), who invited us to her little kitchenlivingsleepingroom to have Chai with her grandmother and I observed an Indian weeding with a very good view from the rooftop.
When I left to our new home (we moved to an old-fashioned flat, all Berlinscenehipsters would kill us for this place) my heart was crowded with happiness.

Da war Nepal. 

Da war ein Hindi-Kurs, der mir klarmachte, dass es nicht zu den einfachsten Dingen gehört, eine neue Sprache zu lernen. 
Dann wurde umgezogen, mit zwei Autos, Küchenutensilien unter dem Arm und Koffer in der Hand, in eine Wohnung, die mindestens achtzig Jahre alt ist und in Kreuzberg unbezahlbar wäre. 
Ich bin wieder in meinem Projekt angekommen, physisch und auch irgendwann psychisch und dann war auf einmal beinahe Mitte Dezember.

Heute hab ich dann mal wieder bei Adhyayan vorbeigeschaut, Myris Arbeitsplatz.
Ich bin angekommen und das Dach stand unter Plastikqualm, die Quelle war wohl irgendein abfackelnder Strommast, das sei aber nicht so ungewöhnlich. Die Kids hat es auf jeden Fall nicht besonders beunruhigt.
Ich habe die taffeste und süßeste zehnjährige in ganz Kaylash kennen gelernt, die uns danach erst einmal in ihr KüchenWohnSchlafzimmer eingeladen hat um uns ihre Wassermalfarbe und ihr Hannah Montana Malbuch zu zeigen. Danach hat sie ihre letzten drei Zuckerbonbons mit uns geteilt, uns Guaven geschenkt, ihre Großmutter aus irgendeiner Ecke gezogen, die uns dann auch noch Chai gemacht hat.

Auf dem Dach konnte man dann auch noch eine ganz anständig aussehende indische Hochzeit bestaunen,  weit über das Geländer gelehnt, um danach durch dasselbe Gewusel zurück zur Metro zu hasten, vollgestopft mit Keksen und Glück. 


One day, it was Neelus birthday, I gave her the ‘Little Prince’. Every student of Myris English class started to read in this book during the day.
Now, Myriam builds a library at Adhyayan. We decided to share the costs of this project.
If anybody wants to support us, feel free to write me. (kathigoesindia@web.de)


An Neelus Geburtstag habe ich ihr den ‘Kleinen Prinzen’ geschenkt.
Im Laufe des Tages hatte jeder Schüler aus Myris Englischklasse das Buch mindestens einmal in der Hand. Und das länger als zehn Minuten.
Myri baut jetzt eine Bücherei in Adhyayan auf. Wir haben beschlossen, uns die Kosten, die für dieses Projekt entstehen, zu teilen.
Solltest du dich für unser kleines Projekt interessieren oder uns unterstützen wollen, schreib mir gerne. (kathigoesindia@web.de) 

 

Two days after the usual day, we celebrated Nikolaus at Manzil. It felt a little bit like the moment before getting gifts at Christmas and created, finally, the feeling of the pre-Christmas-period.  

Zwei Tage zu spät haben wir in Delhi dann auch noch Nikolaus gefeiert, mit geschenkwütigen Manzilianern die, improvisiert zu Schuhen, wie wild Geschenke in Socken stopften.
Ein bisschen aufgekratzt wie vor der Bescherung hinterließ es die Aktion ein bisschen das Gefühl von Vorweihnachtszeit.