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06.01.2016

Mittwochgedanken - II



Nostalgie ist ein verflixtes Gefühl und verfälscht ewiglich die gesamte Gegenwart II


Das Gedächtnis ist ein cleverer und durchaus sehr schlauer Apparat.
Der Eifer des Gehirns, alles zu filtern, was wir aus der Vergangenheit wieder und wieder erleben, sollte zu unserem Vorteil sein. Jedoch ist dies nur manchmal der Fall.
Vielleicht ist es eine Methode um eine grausame Vergangenheit zu verdrängen.
Eine andere Möglichkeit ist, dass unser Gedächtnis ganz einfach sehr faul ist.

Weihnachtszeit ist die Zeit der Depressionen.
Es ist hart, das warme, weiche Bett zu verlassen, die Leichtigkeit, die der Schlaf mit sich bringt, weil man sich nicht bewegen oder irgendeine Entscheidungen treffen muss.

26.12., 11:30, die Zeit der Entscheidungen beginnt.
Wenn mir jemand eine Frage stellt, antworte ich sarkastisch.
Meine mir einzig verbliebene Mitbewohnerin verlässt die Wohnung und ich bin alleine, räume das versteckte Zimmer, den kleinen  Dachboden, auf und versuche mich zu motivieren, rauszugehen.
Ich versage. Die Wohnung bleibt, mit meiner Ausnahme, leer in dieser Nacht, ich versuche wieder in die Leichtigkeit der Traumwelt zu driften.
Ich weiß nicht warum, aber das Geträumte in dieser Nacht war besonders.

Nach einem bestimmten Zeitraum, welcher wohl nicht in realer Zeit gemessen werden kann, habe ich dann wieder angefangen, normale Antworten normalen Fragen zu entgegnen und redete mich leer über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
Ich habe gemerkt, wie viel ich vergessen habe.

Wie hart es gewesen war, in dieses Land zu kommen, an diesen Ort, in dieses Land, wie sehr ich meine Familie überzeugen musste, wie oft ich mich rechtfertigen musste gegenüber Bekannten, manchmal gegenüber Freunden.
Ein Mädchen aus Deutschland, vielleicht so halb erwachsen, fliegt nach Indien.
Warum das den bitte?

Ich vergesse, wie schwer ich mich getan habe, als ich hier angekommen bin.
In der neuen Wohnung habe ich die alte längst vergessen, die Ratten, die Wespennester und die Distanz, die es täglich zu überwinden galt, um auf der Arbeit anzukommen.

Die Gegenwart ist wohl zu angenehm, um einmal einen Blick über die Schulter zu riskieren und die Steine, die hinter mir liegen, zu begutachten. Und mit jedem flüchtigen Blick verschleiert die Vergangenheit sich selbst, verrückt Stein bei Stein, häuft sie an anderer Stelle aufeinander und verfälscht damit sämtliche Erinnerung, lässt die verlebte Vergangenheit grausam oder belanglos erscheinen.

Vielleicht erleichtert es uns dies der Gegenwart zu begegnen, diesem reizenden Geschenk, welches die Zukunft unaufhörlich mit uns teilt.

Während ich am 24.12. um elf Uhr nachts auf der Terrasse sitze und die leere Straße beobachte scheint die Zeit still zu stehen.
Ich weiß, dass meine Familie in diesem Moment zu Abend isst, Fondue auf dem anderen Kontinent. Ich vermisse und glorifiziere die letzten 19 heiligen Abende, die nun der Vergangenheit gehören, versuche mich auf die Zukunft zu konzentrieren, um mich besser zu fühlen.

Und während ich mich selbst weiter verwirre, mit Gedanken über zu Hause, welches nun vier Monate Vergangenheit entfernt ist und mit Gedanken über die Zukunft in diesem zu Hause auf Zeit, verwandelt sich die Gegenwart unaufhaltsam in die Zukunft und die Zukunft verwandelt die Gegenwart ewiglich in vergangene Momenten.

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Nostalgia is a tricky emotion and sophisticates the entire present eternally II

The mind is a clever and quite smart apparatus. 
It should be advantageous to us that the brain eagerly drains our memory every time we relive it.
Actually, it’s just sometimes beneficial. Maybe it’s a method to displace a cruel past.

Another possibility is that our mind is simply very lazy. 


Christmas time is depression time.
It‘s hard to leave the cosy bed, the blithe world of dreams, you don’t have to move yourself or to take any decision while you sleep.
 
26th of December, 11:30, the time of decisions starts.
If somebody asks me something, I phrase my response sarcastically.
My only remained flatmates closes the front door and I am alone, I clean the hidden room, the small loft, and try to motivate myself to go out.
I fail.

The flat stays empty for the night, bar me, trying to drift into the easy-going dream world.
I don’t remember why, but what I dreamed of was special.


After a determined period, which probably can’t be measured in real time, I’ve started to reply normally to normal questions and talked myself drained about the present, the past and the future.
I’ve noticed how many things I’ve forgotten.


I’ve forgotten how hard it had been to come to this particular country, to this particular place.
How much I’ve had to convince my family, how often I’ve had to exculpate myself in front of acquaintances and sometimes in front of friends. A girl from Germany, maybe half grown up, travels to India?

Why, please?  

I‘ve forgotten how hard the beginning had been.
In the new flat, I’ve already forgotten the old one, the rats, the wasp nests and the distance we had to pass every day when we wanted to reach at work.


The cosy present hazes the view on the past.
I am too comfortable to risk a view over my shoulder, to survey the stones I left behind me.
With every careless view, the past veils itself, displaces stone by stone, accumulates them to another place and sophisticates all memory, shows already experienced cruelly or irrelevantly. 
Maybe, this eases us to face the present, the charming gift the future is continuously sharing with us. 


While I am sitting on the terrace at 11 pm on the 24th of December, observing the empty street, time seems to stop.
I know that my family has dinner right now, fondue on the other continent.
I miss and glorify the 19 holy evenings which are owned by the past now, trying to concentrate on the future to make me feel better.

And while I continuously confuse myself by the help of thoughts about the home which is four months distanced now and thoughts about the future in my new temporary home, present transforms itself eternally into future and the future transforms the present inexorably into passed moments.