header

header

04.07.2016

Abschied // Leaving


https://www.flickr.com/photos/143652091@N04/albums
click on the picture to see more / einfach auf's Bild klicken, da geht' s zu flickr.

 Ein Stereotyp ist eine im Alltagswissen präsente Beschreibung von Personen oder Gruppen, die einprägsam und bildhaft ist und einen als typisch behaupteten Sachverhalt vereinfacht auf diese bezieht. Sie sind gleichzeitig relativ starre überindividuell geltende beziehungsweise weit verbreitende Vorstellungsbilder.
–sagt Wikipedia 


Inder können scheinbar nicht erröten. Nicht vor Hitze, nicht vor Scham. Immer wenn ich mit hochrotem Kopf ins Büro komme, muss ich erklären, warum ich kurzzeitig meine Hautfarbe gewechselt habe (Die 100 Stufen an der Metro hochgesprintet, es ist 48 Grad heiß, ich bin verliebt, ihr habt irgendwas peinliches gesagt.) Eigentlich kann wohl doch jeder Mensch erröten. Bei dunkler(er) Haut fällts nur nicht so auf. Ein Arbeitskollege nennt mich kurzzeitig Pinky.

Zu Hause ist es ein halbes Jahr Winter, drei Monate Sommer und drei Monate irgendetwas dazwischen.
Hier ist es andersherum. Gerade ist es ein halbes Jahr Sommer. Ich kann nachts nicht schlafen. Ich laufe keine Treppen mehr, sondern nehme die Rolltreppe und den Aufzug. Es ist zu heiß zum Essen, zu heiß, um sich zu bewegen. Die Stadt brennt. Der Fahrtwind während der Rikschafahrt ist heiße Luft. Als wäre ich konstant high.

Mückenstiche halten hier nur eine halbe Stunde aber jucken wie Hölle. (Außerdem übertragen sie manchmal Denguee Fieber.)

Inder denken, alle Weißen seien Briten. Wenn sie keine Briten sind, dann sind sie Amerikaner. Afrikaner sind ‚dreckig‘. Inder sind rassistisch. Das sagen Inder auch über sich selber.

Ficken sagt man nicht. Sex auch nicht. Über Homosexualität wird im Allgemeinen nicht geredet.

Es gibt sehr reiche und sehr arme Inder. Die Armen klopfen an Straßenkreuzungen an Autoscheiben, verkaufen Wackeldackel oder sind Kinder, die Haare sind zerzaust und die Haut dreckig und sie führen die Hand zum Mund und sagen kana kana, Essen Essen.

Die reichen Inder haben Autos und ACs und Putzfrauen und Driver und sind manchmal Künstler, manchmal nur reich. Es gibt mittelreiche Inder und sehr reiche Inder. Im CaffeeCoffeeDay (indischer Starbucks) an der Metro Station Moolchand schlürfen die mittel-bis reichen Inder (und ich) erfrischende künstliche Shakes und afrikanischen Kaffee für 300 Rupien während die Klimaanlage auf Hochtouren arbeitet und die Fahrradrikschawfahrer durch Glasscheiben starren. Sie kochen draußen bei 45 Grad im Schatten und verdienen vermutlich nicht einmal 300 Rupien am Tag.
Ja, Inder starren. Sie fressen dich mit ihren Blicken auf.

Ich fahre von Rishikesh nach Manali. Alleine. Ja, das ist in Indien möglich. Inder können die hilfsbereitesten Menschen der Welt sein und einem zeigen, wo man im Gewusel der Busstation jetzt den AC Bus nehmen kann. (Bus mit Klimaanlage.) Ich muss vier Stunden warten. Ich muss den letzten Bus um zehn nehmen. Vereinzelt sind noch Familien unterwegs, aber hauptsächlich sind es Männer, die in der Halle des Bahnhofs sitzen und starren. Gegenüber von mir sitzen drei junge Inderinnen. Ich wette, sie wollen auch nach Manali, checke aber trotzdem jede Minute, ob sie noch da sind. Was Bauchgefühl heißt, das habe ich hier auch gelernt. Von betrunkenen Männern Abstand halten. Nein sagen. Gehen.

Es gibt offensichtlich ein Ungleichgewicht bei Männern und Frauen und ich wurde in neun Monaten, nicht begrapscht, angemacht klar, aber manchmal entfernt man sich schon bei den penetranten Blicken die einem in der Metro zugeworfen werden automatisch weiter vom ‚Gemischtabteil‘ in Richtung ‚Frauenabteil‘.

Dort geht die Starrerei weiter. Starren ist hier nicht schlimm. Das ist normal. Ich bin ja weiß und habe dunkelblonde Haare. Muss ulkig aussehen. Also werde ich eben angestarrt. Mittlerweile starre ich auch gerne. Besonders wenn Weiße in der Metro sind. Und wenn die Rikschafahrer durch die Scheiben des Cafés starren, dann fühle ich mich furchtbar, aber ich finde ihr Starren gerechtfertigt. Ich würde auch starren.
Ich sitze im Busbahnhof in Chandigarh und überarbeitete meinen Text. Ein Inder sitzt seit zwanzig Minuten neben mir und starrt auf den Bildschirm.

Inder sind socialmedia verrückt. Inder lieben Facebook. Alles wird geteilt, alles wird geliked. Inder lieben Selfies, besonders mit Ausländern. Nach dem fünften Selfie war es mir genug. Warum wollt ihr ein Photo von meiner Hautfarbe? Ist nicht geil weiß zu sein. Weiße Haut ist nicht für dieses Klima gemacht. Ich würde in Jeans kollabieren, während ihr schweißfrei über die Straße rennt. Aber ich will mich nicht beschweren. Ist ja nicht mein Land hier.

Nachdem der starrende Inder in der Busstation den Platz neben mir verlassen hat kommt setzt sich ein anderer Typ neben mich. Er möchte ein Selfie, natürlich. Ich frage warum. Er sagt, weil ich von woanders herkomme. Ich frage ihn, ob er auch eine Japanerin nach einem Selfie fragen würde. Oder gar eine Afrikanerin. Nein, das nicht. Er ist niedlich. Seine Eltern kommen aus Nepal. Wir unterhalten uns ganz nett, alle zwei Minuten die Frage nach dem Selfie. Er habe hier Urlaub gemacht. Shopping und so. Irgendwann zischt er ab. Ich checke ob die Inderinnen gegenüber noch da sind.

Es gibt Tischmanieren. Es wird mit der rechten Hand gegessen. Das Essen wird fein säuberlich in eine Ecke des Tellers gelegt, zu sich herangezogen und dann in den Mund geschaufelt. Im Westen gibt es viel Fisch und Fleisch, meistens Hühnchen. Kalkutta heißt nicht Kalkutta sondern Kolkata, das hört sich auch nicht so nach Taka Tuka Land an, finde ich sinnvoll. Menschen aus Kolkata sind überdurchschnittlich stolz und Inder sind unglaublich patriotisch.

Es gibt keine Baumärkte und keinen Media Markt. Stattdessen gibt es Handwerkerstraßen am Bogal und den Elektronikmarkt am Nehru Place.
Es gibt kein Gesundheitsamt, deshalb gibt es Streetfood, billig fettig und gut, alles wird frittiert. Momos sind Maultaschen mit Kohl, Paneer (indischer Käse) oder Chicken. Ich liebe Momos. Die kann man auch frittieren.
Es gibt Märkte, auf denen alles verkauft wird, von Haarspangen über Schlösser bis hin zu Tassen, Kuscheltieren und frischem Obst. Es gibt Papayas, Guaven, Chikkus und Litschis. Im Norden wird Chai getrunken, im Süden Kaffee. Alles ist grundsätzlich überdurchschnittlich süß. Es gibt sehr viele Malls. Viele Mittelklasseinder finden die super. Dort gibt es Treppenhäuser aus Marmor und Volkswagenhändler im Erdgeschoss. Als wir angekommen sind, hat gerade der erste H&M aufgemacht.
Es gibt überdurchschnittlich viele Menschen die auf der Straße leben und schlafen. Man gewöhnt sich an den Anblick von, geordnet nebeneinander schlafenden alten Männern, ganzen Familien, und dann fällt einem auf dass das irgendwie nicht normal sein sollte.

Es wird arrangiert geheiratet. Das bedeutet nicht Kinderheirat, das bedeutet, dass die Eltern jemanden vorschlagen und die Kinder (die zumindest in Delhi meistens schon über fünfundzwanzig sind) gucken ob sie miteinander klar kommen. Es wird aus Liebe geheiratet. Delhi ist aus vielen Dörfern zusammengewachsen. Andere kommen aus ihren Dörfern und die Dörfer bilden auch hier eine Community. In diesen Communities wird auch geheiratet. Die Frau zieht grundsätzlich zur Familie des Mannes. Familie ist sehr wichtig. Ich werde oft gefragt, ob meine Eltern und meine Geschwister auch mit nach Delhi gekommen sind, manchmal ob ich denn verheiratet bin.

Die Hängebrücke in Rishikesh heißt Laxman Jula. Das Stahlgeländer hat die Farben der indischen Flagge, natürlich. Ich überquere die Brücke und werde drei Mal nach Selfies/Photos gefragt. Natürlich. Ich weiß genau, wo ich hinwill. Meinen Lieblingsplatz habe ich mir schon vom Dach des Guesthouses ausgesucht. Wenig überfüllte Terasse zum Ganges. Ich sitze oben auf einem Vorsprung, im Schatten eines Baumes und beobachte Inder beim heiligen Bad. Zuerst ist da nur eine Familie. Der Vater und die Jungen ziehen sich bis auf die Unterhose aus. Die Frauen gehen in Kurta und Hose baden. Natürlich.
Ich sehe kurze Zeit später trotzdem noch Frauennippel. Die siebzigjährigen Omas interessiert’s nicht mehr, die machen einfach FKK. Gemächlich ziehen sie sich ihren Sari an.
Vor meinem Lieblingsplatz befindet sich eine Müllkippe. Das ist okay, ich bin daran gewöhnt, Indien ist eine einzige Müllhalde. Eine jümgere Frau im Sari klettert auf die Mauer, die Müllhalde und Treppenstufen voneinander trennt, hockt sich hin und pinkelt. Ich wende den Blick nicht ab. Wahrscheinlich habe ich mich auch schon zu sehr an die Starrerei gewöhnt. Die alten Frauen wickeln weiter Saris.

Es gibt Bollywood und es gibt viel indische Musik, zu der man (betrunken) sehr gut tanzen kann. Es gibt Kurtas und Sarees und viel anderen Modekram dazwischen. Kurtas sind lange Kleider mit Schlitzen an den Seiten, Sarees sind aus Seide und sechs Meter lang. Sie werden über einen Unterrock gebunden und mit Blusen getragen. Bindis sind die Punkte zwischen den Augenbrauen. Die sehen einfach nur schön aus und haben nichts damit zu tun, dass eine Frau verheiratet ist. Wenn eine Frau einen roten Strich auf ihre Stirn malt, auf ihren Haaransatz zulaufend, ist sie verheiratet. Inderinnen tragen Zehenringe und silberne Fußkettchen und Socken in Sandalen. In der Metro kann man seine Handys aufladen. In Indien gibt es sehr viele Sprachen und sehr viele Schriften. Indien ist riesig und es gibt unvorstellbar viele Menschen hier.

Meine Mutter hat mich mal gefragt, ob ich mir das wirklich antun möchte. Die ganze Armut sehen, an mich ran lassen möchte. Heute habe ich eine Antwort darauf. Erstens ist die Armut da. Warum die Augen verschließen? Zweitens ist Indien nicht arm. Indien ist verrückt und laut und bunt und in dem Chaos steckt Reichtum. Reichtum an Leben. Das macht Indien sehr anstrengend. Vor allem wenn man ständig die ‚Ich-trete-dir-deine-Organe-aus-dem-Bauch-wenn-du-mich-anfasst‘ Aura aufrecht erhalten muss.

Ich verstehe nicht, wie die Zahnräder dieser Welt ineinander greifen, ich verstehe noch weniger, warum und wie diese Welt funktioniert. Das war nur ein kleiner Blick über meinen kleinen Tellerrand. Ich habe Menschen getroffen, die ich zum Verzweifeln vermissen werde. Menschen, die in diesem Chaos groß geworden sind, das für mich so anders ist. Wir funktionieren zusammen, weil wir Menschen sind. Das Fremde ist nur solange beängstigend, bis es uns vertraut geworden ist.
Delhi ist mein zweites Zuhause.